Arbeits- und Kündigungsrecht in Italien

Das Interview

Interview mit Mario Prudentino, ein deutscher Rechtsanwalt aus Hamburg, der sich auf italienisches Arbeitsrecht spezialisiert hat.

1- Wie unterscheidet sich das Arbeitsrecht in Italien vom Arbeitsrecht in Deutschland?

Die größten Unterschiede haben Sie im Befristungsrecht oder allgemein im Vertragsrecht, im Kündigungsrecht, dort insbesondere bei den Disziplinarverfahren und den Schiedsgerichtsverfahren, sowie im Umgang mit dem Betriebsrat und den Gewerkschaften. Einen ganz eigenen Stellenwert haben auch die Arbeitssicherheit und die Compliance (das Gesetz 231/2001) in Italien, in denen völlig andere Sanktionsmaßnahmen möglich sind als im deutschen Recht. Sie sehen, die Unterschiede sind ziemlich groß.

2- Die Kündigung eines Arbeitsvertrags in Italien. Was sagen Sie zu diesem Thema?

Hier ist sicherlich einer der größten Unterschiede zu Deutschland, und da sind wir auch schon beim Art. 18. Bei einer rechtswidrigen Kündigung kommt in Italien der Art. 18 des Arbeitnehmerstatuts zur Anwendung. Der sieht zunächst einen Strafschadensersatz in Höhe von 5 + X Monatsgehältern vor. Dazu kommt noch der Verzugslohn und weiterhin kann der Arbeitnehmer noch einseitig entscheiden, auf die Wiedereingliederung in den Betrieb zu verzichten und stattdessen weitere 15 Monatsgehälter zu kassieren. Eine vergleichbare Regelung gibt es nicht Deutschland.

3- Kennt das italienische Gesetz den Unterschied zwischen ordentlicher und außerordentlicher Kündigung?

Ja, diesen Unterschied gibt es auch in Italien. Allerdings muss in beiden Kündigungsarten ein recht komplexes Disziplinarverfahren voran gestellt werden, da werden insbesondere von deutschen Entscheidern die meisten Fehler gemacht, weil so ein Verfahren in Deutschland völlig unbekannt ist.

4- Entsendung von Arbeitnehmern nach Italien. Das ist auch ein wichtiges Thema für deutsche Firmen in Italien. Welches Recht findet aber Anwendung? Das italienische oder das deutsche Recht?

Das kommt auf den Einzelfall an und auch auf die Wünsche der Beteiligten. Wenn Sie nach Italien entsenden, haben Sie eine arbeitsrechtliche und eine sozialversicherungsrechtliche Ebene. Auf der arbeitsrechtlichen Ebene gibt es verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten: ich kann meinen „Stammvertrag“ ruhen lassen und in Italien einen befristeten neuen Vertrag abschließen, oder ich werde konzernintern versetzt etc. Sozialversicherungsrechtlich dagegen muss man sehen, ob die entsandte Person noch in Deutschland versichert bleibt oder in Italien versichert wird. Hier kommt es ebenfalls auf die Wünsche der Beteiligten an.

5- Worauf soll ein deutscher Arbeitgeber achten, bevor er einen Arbeitsvertrag in Italien schließt?

Da ist sicherlich zunächst festzuhalten, dass kleine Fehler große Schäden generieren können. Ein Beispiel: wenn das Sicherheitsdokument des Unternehmens – die Arbeitssicherheit hatte ich ja schon angesprochen – nicht aktuell ist, können Sie keine befristeten Verträge abschließen. Sie haften als Arbeitgeber, aber auch als Entscheider oder Geschäftsführer, in höherem Maße persönlich für die Arbeitssicherheit. Alles in allem könnte man sagen: die Befassung mit dem italienischen Arbeitsrecht sollte mehr Zeit auf der Agenda erhalten, weil sich die bessere Vorbereitung mittelfristig auf jeden Fall lohnt.

6) Was sagen Sie zu der jüngsten Reform des Arbeitsrechts durch Mario Monti?

Die Reform des italienischen Arbeitsrechts ist recht komplex ausgefallen. Man wird sehen müssen, welche Effekte eintreten. Insbesondere das neue Befristungsrecht und der neue Kündigungsschutz stehen auf dem Prüfstand. Eine schnellere Bearbeitung der Fälle vor dem Arbeitsgericht wäre aber sicher wünschenswert, teilweise müssen Arbeitnehmer und Arbeitgeber Jahre auf eine Entscheidung warten.

Vielen Dank für das Interview!

Was ist "A Network Apart"?

Das erste web- und sprachbasierte Netzwerk für Beratern.
Derzeit in 5 Sprachen und 2 Ländern, Deutschland und Italien.